FORSCHUNG AKTUELL: „Im Laufe des Lebens verändert sich unsere Persönlichkeit bis zur Unkenntlichkeit“

Über das autobiographische Schreiben wurde im Zuge der sogenannten Postmoderne in den 1960er bis 1990er Jahren viel nachgedacht. Dabei wurde der Zweifel an einer festen und kontinuierlichen Identität des Ichs besonders laut. «Je est un autre» – «Ich ist ein anderer» hatte bereits 1871 der französische Lyriker Arthur Rimbaud gegen die Idee von dem einen Ich eingewandt. In ähnlicher Weise bezeichnete Friedrich Nietzsche das Subjekt als bloßen Schein.

Im Falle der Autobiographie gibt es zwei Faktoren, diese Skepsis weiter verstärken: Das Ich, das aus der Erinnerung über sich schreibt, steht erstens in einem großen zeitlichen und damit auch gedanklichen Abstand zum beschriebenen Ich. Im Schreibprozess verstärkt sich diese Distanz weiter, da das Ich während es über sich schreibt, einen Blick von außen einnimmt. Das Subjekt ist Gegenstand der Erzählung sein, im Schreibprozess zum Objekt und damit verliert sich die emotionale Nähe und Unmittelbarkeit des Sprechens. Von Authentizität keine Rede! so der Tenor in der damaligen Literaturwissenschaft. Bis heute wirkt hier das damals ausgerufene „Ende der Autobiographie“ nach (vgl. Almut Finck: Autobiographisches Schreiben nach dem Ende der Autobiographie. Berlin 1999).

Dennoch boomt das Autobiographische Schreiben.

Woran liegt das? Ist es etwa befreiend, über sich selbst zu lügen? Oder brauchen wir eine schlau kalkulierte Selbst-Inszenierung, um im Gesellschaftsleben erfolgreich bestehen zu können?

Die Hirnforschung hat darauf Antworten gefunden. Wir Menschen haben eine nachweisbare Veranlagung und ein vitales Bedürfnis, uns Geschichten über unser Selbst zu erzählen. Daran ändert die in diesem aktuellen ZEITmagazin-Artikel hervorgehobene enorme Entwicklungsspanne der Persönlichkeit im Laufe eines langen Lebens nichts. Die erfolgreiche Bewältigung aller Lebensphasen ist an die Entwicklung je eigener Formen des  Erinnerns an das eigene Leben geknüpft. Kurz: Wir haben ein autobiographisches Gedächtnis als funktionale und wichtige Anlage unseres Gehirns. (Zur Vertiefung: Hans J. Markowitsch, Harald Welzer: Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart 2005).

Wir erzählen uns selbst, weil es unser tiefes Bedürfnis ist. Und wo diese Selbsterzählung nicht in irgendeiner Form gelingt, besteht meist eine schwere Traumatisierung oder Depression.

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