Wohnungsträume und-tränen

Eine Vermieterin zeigte mir ihre hübsche Stadtwohnung unter Tränen.
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Vorgestern kam ich zufällig an diesem Garten vorbei. Er liegt einige hundert Meter entfernt von unserer neuen Wohnung im Stuttgarter Osten. Der verwunschen wirkende Winkel, von der gleißenden und noch kalten Frühlingssonne durchstrahlt, hat mich eigenartig berührt. Zwei Amseln badeten in einem halb versumpften Tümpel zwischen dichten Zweigen. Efeu rankte an dem verrosteten Tor und dem zerfallenen Zaun-Gewirk hoch. Von dem einen Ende des Gartens zum Haus durchzukommen, wäre nur mit viel Mühe oder Machete möglich gewesen. Monatelang, jahrelang scheint nichts geschehen zu sein. Dies galt eigenartigerweise aber nur für das Erdgeschoss, die beiden oberen Stockwerke des selben Hauses wirkten bewohnt und waren vollkommen gepflegt.

Gerade in ihrer Umgrenztheit stach mir diese „Parzelle Wildnis“ sehr ins Auge  – mitten in der geschäftigen Enge Stuttgarts, wo normalerweise nirgendwo nur ein halber Meter Raum übrig ist. Vor ein paar Tagen erst hatte mich eine junge Frau mit Kinderwagen angesprochen. Sie war auf Wohnungssuche und hatte in meiner Straße irgendwo heruntergezogene Rollläden entdeckt. Ob ich wüsste, wem das Haus gehört? Solche Bedrängnis haben wir auch erlebt, dreieinhalb Jahre habe ich mit meinem Sohn in einer winzigen Einzimmerwohnung im Zentrum gewohnt. Es ging dann auch einigermaßen… irgendwie. Im arbeitsreichen Alltag zwischen Kita und Job hat man ohnehin nur ‚wenig Zeit zum Wohnen‘. Doch seit dem schließlich doch erfolgreichen Ende unserer Wohnungssuche und dem Umzug fühlen wir uns, als hätten wir einen ziemlich reißenden Fluss durchquert und seien mit unverschämtem Glück ans trockene Ufer gelangt. (Was uns jetzt noch fehlen könnte ist übrigens – ein Garten. ;))

Zurück zum Thema… Die meisten Wohnungen sind hier in privater Hand. Soweit ich es erlebt habe, werden sie vermietet, falls der Eigentümer/ die Eigentümerin es sich zutraut, die Wohnung tadellos in Schuss zu halten. Und wenn sie sich emotional in der Lage sehen, sie auch herzugeben. Ja! Gerade hier, in den fremden Wohnungen, die wir so gerne schnurstracks mit einem ordentlichem Mietvertrag und möglichst wenig Komplikationen übernehmen möchten, stecken oft sehr private Lebenserinnerungen. Eine Vermieterin zeigte mir ihre hübsche Stadtwohnung unter Tränen. Sie war mit ihrem zu früh verstorbenen Mann wochenends oft hier gewesen. Zu zweit haben sie die Großstadt genossen und waren dann zurück in den Alltag in das große Haus im Stuttgarter Umland gefahren. Besonders reich wirkte sie nicht, eher ganz normal…. Die Wohnung hat sie dann, soweit ich es noch mitbekam, lieber doch nicht vermietet.

Wohnorte und Wohnungswechsel sind im biographischen Schreiben ein Thema für sich! Überlegen Sie doch mal, wo Sie bislang gewohnt haben und wie es dazu kam? Nehmen Sie sich ein Foto von jeder Wohnung und beschreiben Sie, was Sie sehen und woran Sie sich darüber hinaus erinnern. Wie wäre es, heute durch Ihre damaligen Räume zu gehen? Was liegt dort (oder besser in Ihren Gedanken) in den Schubladen und Regalen? Manchmal ist dieser Erinnerungsschritt unglaublich schmerzhaft – weil diese Form der Erinnerung so konkret ist. Gehen Sie dann ganz behutsam vor. Nehmen Sie sich eine Schreibseite vor und skizzieren Sie die Orts- und Zeitabläufe erst einmal ganz distanziert. Beginnen Sie mit den Etappen, an die Sie sich sehr gern erinnern. Wenn Sie sich dann stärker fühlen, laufen Sie die gezeichnete Linie weiter ab. Möglicherweise  machen Sie eine Entdeckung und verstehen plötzlich einen Zusammenhang ganz neu! Vielleicht kehrt eine Episode in Ihr Bewusstsein zurück, die Sie in der Sache längst vergessen haben. Die aber dennoch bis jetzt gelastet hat. Und  über die Sie heute noch ein mal ganz neu entscheiden dürfen, ob Sie sie so wichtig finden, wie ein Teil Ihres Bewusstseins sich das zur Gewohnheit gemacht hat.

 

 

 

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