Haben Sie auch die ‚zertanzten Schuhe‘ im Repertoire? Märchen und Demenz. Eine Lesung am 27.07.2017 in der Karl-Olga-Pflege

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„Ha, der Kloine!“ Dieser Seufzer kam von einer grauhaarigen Dame, die in einem Rollstuhl in der ersten Reihe saß. Sie stieß ihn gleich mehrmals aus innerhalb der guten Stunde, in der wir da waren. Ansonsten hörte sie aber sehr aufmerksam zu und strickte währenddessen.

Ja, mein Sohn, 4 Jahre alt, saß mit auf der ‚Bühne. Und wenn man so will, stahl er mir ein wenig die Schau… einfach durch seine Präsenz als Kind. Er saß auf einem Stuhl neben meinem Pult, blickte ab und zu auf, ansonsten spielte er (ausnahmsweise mit meinem Iphone). Er kümmerte sich eher wenig um die Zuhörerrunde und auch wenig um meine Geschichten. Doch andererseits: Um die Schau geht es beim Geschichtenerzählen ja auch gar nicht. Es geht ums Wegdriften in ein ‚inneres Sehen‘ , in einen traumhaften Zustand und oft auch in die eigene Kindheit. Also war mein Sohn eine Art ‚Illustration‘ für die Welt der Märchen. Und für das magische Bewusstsein, in dem Kinder leben und in das die Zuhörer durch Märchen zurückversetzen werden können. Dieses urplötzliche Anknüpfen an die eigene Kindheit gelingt gerade ältere Menschen und in besonderem Maß  demenzerkrankten Menschen und befördert in ihnen ihre lebendige Erinnerung, das ist inzwischen belegt und wird vielfältig umgesetzt (siehe etwa http://www.märchenland.de/)

Überraschenderweise wurde es auch für mich ein märchenhafter Nachmittag, meine erste Lesung in der Karl-Olga-Pflege in Stuttgart Ost. Dort hatte ich mich im Juni 2017 vorgestellt, mit meinem ganzen Arbeitsspektrum: meinen Reden, Biographie-Schreibkursen und den Lesungen aus eigenen Büchern.  Vor allem das Stichwort Lesungen interessierte und so wurde ich ins Veranstaltungsprogramm aufgenommen: Literaturstunde mit C. Löschner. Dann ging es an die Vorbereitung, ich habe mich in den folgenden Wochen viel umgetan, habe Bücher bestellt zu Biographiearbeit, Erzähl- und Märchentherapie mit Senioren. Und dann habe  ich eine gute Handvoll Geschichten und Märchen ausgewählt und  mit einem Stimmtrainer trainiert….

Mit klopfendem Herzen, meinem Sohn an der Hand und einer Soundanlage auf dem Rücken kam ich schließlich in der Karl-Olga-Pflege an. Was war mit mir los? Nach 11 Jahren im universitären Lehrbetrieb, nach vielen nationalen und internationalen Tagungen war ich doch eigentlich mit allen Wassern gewaschen! Dennoch ’schlotterten‘ mir die Knie… warum? Weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Ob ich überhaupt durchdringen würde – akustisch? inhaltlich? Würden die Texte, die ich ausgesucht hatte, an die Seelen rühren können? Was wenn einige Zuhörer aus welchen Gründen immer einfach mittendrin den Raum verlassen würden? Oder wenn jemand dazwischen redete… wirres Zeug… oder gar Kommentare für oder gegen die erzählten Geschichten? Was würde ich dann tun?

Ein bisschen was von all dem geschah. „Was fehlt Ihnen denn?“ riefen die drei Spinnerinnen zu dem verzweifelten Mädchen herauf, das weinend am Fenster einer der großen Flachskammern stand. „Rückeschmerze!!“ antwortete eine Dame ganz hinten in der letzten Saalreihe. Ich sah sie an, lächelte und las weiter. Komischerweise störte es mich nicht. Denn noch immer hörten alle zu. Und als zwei Pflegerinnen die Dame aus dem Saal fuhren, um sie zum Arzt zu bringen, störte auch das die Aufmerksamkeit der anderen Zuhörer nicht.

Ich las und las… und als die vereinbarte Zeit um war und ich meine Geschichten ausgelesen hatte, kam plötzlich die Frage aus dem Publikum: „Haben Sie auch die ‚zertanzten Schuhe im Repertoire?“  Hatte ich eigentlich nicht. …aber ich hatte die 600-Seiten-Sammlung der Gebrüder Grimm auf dem Tablet dabei, fand die ‚zertanzten Schuhe‘. Und las!

Ich war überrascht, wie schnell ich selbst mich in all die Geschichten versenken konnte. Stimmtraining hin oder her und eine Spezialsitzung zum Vorlesen in der Geriatrie… Entscheidend ist am Ende, dass niemand die Märchen dabei stört, wie sie alle im Raum gefangen nehmen. Und ab einem bestimmten Punkt lässt sich zum Glück kaum jemand mehr dabei stören!

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