Die Biographie und die Angst vor dem Öffentlichwerden

Manche Biographie bekommt vor dem Druck „die Zähne“ gezogen…

Ja, es ist ein fragiler Prozess bis die gemeinsame Arbeit an der  Biographie wirklich beginnen kann. Und ist der Vertrauensaufbau vollzogen, dann ist es ein wunderbarer Moment, wenn mir das Erzählen so ganz lebendig entgegenfließt…

Aber dann, im Zuge des Korrigierens und Überarbeitens bekommt mancher Kunde es plötzlich mit der Angst zu tun. Er beginnt, zu Intimes, zu Scharfes zu Direktes zu streichen. Und natürlich hat er das volle Recht dazu und behält immer das letzte Wort. Und diese Angst taucht auch auf, wenn es sich um eine sehr kleine Auflage von 20 oder 30 Exemplaren handelt. Denn nie lässt sich mit Sicherheit bestimmen, in welche Hände das Buch gerät.

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Doch ich kann es nur unterstreichen, mir ist es als Biographin niemals gleichgültig, wenn eine Lebensgeschichte plötzlich ihre Ecken und Kanten verliert. Wir Biographen sind ja keine „Automaten“, die einfach verschriftlichen. Sondern wir sind es gewohnt, das Potential jeder Geschichte ganz zur Geltung zu bringen. Wir helfen beim Erinnern, beim Sortieren, beim Pointieren und meist auch dabei, neue Interpretationen zu gewinnen und Erinnerungen emotional zu durchdringen. Das ist ein sehr umfassender Prozess. Das Buch soll dem Leser Freude machen und ihn in Bann ziehen. Und es soll dem Kunden und seinem Leben in der ganzen spannungsreichen Fülle entsprechen. Wenn dann die Angst vor der eigenen Courage, den Kunden zu Streichungen veranlasst, dann ist das natürlich ein Verlust. Meist auch für den Kunden selbst.

Deswegen sind mir Konstellationen besonders lieb, die es den Kunden erlauben, ihr Buch aus vollem Herzen und ohne Vorbehalte zu schreiben. Auch wenn es manchmal kauzige Lösungen sind….
Hier kommen vier Varianten, der Angst vor dem Öffentlichwerden aus dem Weg zu gehen:

1.) Eine Kundin publiziert ihr Buch unter Pseudonym, mit veränderten Namen von Personen und Orten. Selbst der engste Kreis weiß nicht, dass das Buch überhaupt geschrieben wird. Sie erreicht damit einerseits, dass ihre Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich wird. Andererseits kann sie sich später, bei einem „Mut-Anfall“, natürlich immer noch ihrer Familie offenbaren.

2.) Ein Kunde verfügt notariell, dass seine Biographie erst etliche Jahre nach seinem Ableben veröffentlicht werden darf. Damit wird nicht nur er selbst nicht mehr betroffen sein, sondern auch seine unmittelbaren Weggefährten werden es nicht sein. Und die spannende Lebensgeschichte geht doch nicht verloren.

3.) Besonders diplomatische Kunden optieren für eine doppelte Lösung: Sie lassen zwei Versionen drucken, eine „zensierte“ für den weiteren und eine „unverblümte“ für den allerengsten Kreis. Ob das gutgeht? Man muss sich sicherlich vorsehen…

4.) Manchem Kunden ist von vornherein bewusst: „Wenn ich ein Buch über mein Leben schreibe, dann wird es – egal, wie ich es anstelle – immer jemanden geben, der nicht einverstanden ist. Und ich kann vorher nicht einmal sicher wissen, wo für wen eine ‚Bombe‘ liegt.“
Und dann erzählen sie geradeheraus und lassen am Ende alles so stehen, wie sie es nun mal empfinden. (Und die Biographin denkt natürlich ohnehin immer mit. Auch wenn der Kunde die Text-Hoheit hat, wird sie doch zumindest einen dezenten Hinweis geben, wenn ihr eine Person allzu schwarz gezeichnet erscheint. Viele „Bomben“ lassen sich nämlich entschärfen, ohne dass umfangreich gestrichen werden müsste.)

In diesem Sinne:
Erzählen / Schreiben Sie so, dass es Sie wirklich bewegt. Oder kennen Sie etwas Unnützeres als eine langweilige Geschichte?

Ihre
Dr. Claudia Löschner

 

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