“Meinen Alltag soll ich aufschreiben?” Ja, unbedingt! Eine Bekräftigung

Kartoffelalltag

 

Der Alltag eines Menschen, das Gleichmaß seiner Tage und Gewohnheiten, ist zumeist das, wovon wir als Nachfahren am wenigsten wissen. Und zudem das, was wir am wenigsten recherchieren können.

Genau darum geht es mir heute erneut und im Detail. Auf meinen letzten Blog-Eintrag Wer schreibt heutzutage eigentlich seine Biographie? , indem ich diesen Standpunkt bereits entwickelte, erhielt ich eine sehr ausführliche Antwort: Sonja Richter steuerte einen Bericht über ihre eigenen Erfahrung bei der Arbeit an der Biographie ihres Großvaters bei.

Jahrelang recherchierte sie, um das Leben ihres Großvaters zusammenzutragen, viele Spuren konnte sie aufnehmen. Und doch es waren gerade die kleinen Alltag-Einzelheiten, die am Ende fehlten und dem Buch noch viel mehr persönliche Nähe und Lebendigkeit hätten verleihen können. Falls sie sich irgendwo hätten finden lassen. Doch das erwies sich in diesem Fall – durch den zeitlichem Abstand  – als unmöglich.

Daher möchte ich gern bekräftigten, was ich in meinem letzten Blogbeitrag schrieb: Unterschätzen Sie nie, wie spannend Ihr tagtägliches Leben für Ihre Nachfahren sein wird.  Kleine Episoden, alltägliche Gewohnheiten, der habituelle Umgang mit einem Gerät, die Anordnung bestimmter Dinge, fast unbewusste Rituale und oft gesagte Redensarten… All das macht unser Leben entscheidend aus. Und wenn wir uns dies bewusst machen und es aufgreifen, dann zaubert es Lebendigkeit in unser Buch.


Sonja Richter berichtet über die Arbeit an der Biographie ihres Großvaters:

“Vor dreieinhalb Jahren habe ich begonnen, über das Leben meines Großvaters zu recherchieren. Jetzt ist seine Biografie fast fertig. Ich habe allerlei Material auswerten können, vor allem seine Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg sowie Akten in verschiedenen Archiven, die seine Nazi-Vergangenheit betreffen. Ich besitze auch zahlreiche Fotos von ihm, die meisten zeigen ihn auf Gruppenfotos im Kreis seiner Verwandten, manche als Frischvermählten und als Soldat. Dazu gibt es einige Erinnerungen seiner Kinder an ihn und ganz wenige eigene Erinnerungen von mir – ich war neun, als er starb.

Dank dieser Materialien weiß ich weit mehr über ihn als über meinen anderen Großvater und meine beiden Großmütter. Doch etwas fehlt in meinem Bild von Opa: der ganz normale, unspektakuläre Alltag jenseits der Kriege. Wie war es, als er meine Oma kennen lernte? Wie war sein Leben als Ehemann und Vater? Und was hat ihn innerlich bewegt? Was bedeuteten ihm seine Frau und seine Kinder? Wie hat er die Entbehrungen und Leiden der Kriegszeit verarbeitet? Das alles festzuhalten, hat er selbst vermutlich nie für nötig gehalten. Soviel ich weiß, hat er auch nie darüber gesprochen. Doch genau das würde mich heute interessieren.

Mein Opa ist seit mehr als 40 Jahren tot und hat seine Erinnerungen mit ins Grab genommen. Wie schade! Genauso meine Oma elf Jahre später. Von ihr sind aber wenigstens zwei Tagebücher erhalten, in denen sie die ersten Lebensjahre ihrer Kinder dokumentiert und das einige Einblicke in den Familienalltag der damaligen jungen Mutter gibt. Mit welcher Begeisterung und Rührung ich darin gelesen habe!

Und dann ist da noch meine Großtante, die Malerin. Auch ihre Biografie würde ich gern schreiben. Doch gibt es außer erhaltenen Bildern und Gedichten nur wenige Erinnerungsstücke, und so gut wie nichts gibt Aufschluss über ihren Lebens- und Berufsalltag. Ich kenne nur die Ergebnisse ihres Schaffens, aber weiß nichts über den Prozess, wie ihr Atelier aussah, wann und wie sie darin gearbeitet und was sie dabei empfunden hat. Und ich kann nur erahnen, was es für sie bedeutet hat, ehe- und kinderlos geblieben zu sein, aus gesundheitlichen Gründen ihre Ausbildung zur Zeichenlehrerin abbrechen zu müssen und zeitlebens ihren Geschwistern auf der Tasche zu liegen, da sie von ihrer Malerei nicht leben konnte. Es wäre mir viel wert, das alles zu wissen. Erst das ließe mich wirklich verstehen, was für ein Mensch sie war.

Wie Claudia kann ich nur jeden dazu ermutigen, eigene Erlebnisse und Erinnerungen aufzuschreiben – oder aufschreiben zu lassen, bevor es zu spät ist. Auch wenn man glaubt, dass es ja doch niemanden interessiert – das kann sich mit der Zeit ändern. Und irgendwann ist da vielleicht eine Tochter, ein Enkel, ein Urenkel oder eine Großnichte, die überglücklich ist, wenn sie in das Leben und Denken ihrer Vorfahren eintauchen kann.”

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.